Senza Parole - by photobildband.de

Senza Parole: Das Vermächtnis von Marc Lagrange

Senza Parole - by photobildband.de
Marc Lagrange
„Senza Parole“
teNeues Verlag
208 Seiten
Format: 28 x 35,5 cm
Sprachen: Englisch, Französisch
ISBN: 978-3-8327-3298-1
79,90 Euro (D)

Wenn ein Künstler weiß, dass der Vorhang seines Lebens jeden Moment fallen wird, dann gibt er häufig noch einmal alles. Doch während ein krebskranker David Bowie sich die Zeit genommen hat, um sich zu verabschieden und musikalisch zu verewigen, kommt für andere Künstler der Tod manchmal viel zu überraschend. So auch für Marc Lagrange. Der 58-jährige Aktfotograf kam am 25. Dezember bei einem Autounfall ums Leben. Wortlos ist sein Abschied von der Kunstbühne. Und zufälligerweise ist dies auch der Titel seines letzten Bildbandes „Senza Parole“ (zu Deutsch: wortlos).

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Schweigende Kunst: „Aphrodite“ von Marc Lagrange © 2015 Marc Lagrange. All rights reserved.

Mehr als 1.000 Worte

Wortlos sollte ein Abschied nicht sein? Nun, für einen David Bowie mag das zutreffen. Aber auch für einen Mann, der ein Meister darin war, Menschen fotografisch zu verewigen? Sagt ein Bild nicht immer noch mehr als 1.000 Worte?

Auch wenn es nicht so geplant war: „Senza Parole“ stellt einen grandiosen Schlussakt in Lagranges Karriere dar. Der Bildband zeigt die neueren Arbeiten des Fotografen. „Senza Parole“ sammelt sozusagen Lagranges Spätwerk – quasi als Nachlass für die Kunstwelt.

Über den Fotografen

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© Stephan Vanfleteren

Marc Lagrange wurde 1957 in Kongo geboren, lebte aber bis zu seinem Tod im belgischen Antwerpen. Vor allem hat er sich einen Namen als Aktfotograf gemacht und in zahlreichen Ausstellungen seine Werke präsentiert. Am 25. Dezember 2015 starb er bei einem Autounfall auf Teneriffa.

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„Swan Song“ von Marc Lagrange © 2015 Marc Lagrange. All rights reserved.

Hommage an die Kunst

Vor allem hat sich der Fotograf nicht selber kopiert, sondern weiterentwickelt. Klar, auch in „Senza Parole“ sind viele nackte Frauen in außergewöhnlichen Bildkompositionen zu sehen. Doch es ist die klassische Kunst, die Lagrange hier persifliert, kopiert oder würdigt.

Kunst-Szenen wie von einem Gemälde, einem alten Foto oder einem antiken Relief sind es, die in dem Bildband zu sehen sind. Und kein Bild ist wie das andere. Abwechslung pur.

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Barockes Foto-Gemälde: „Sirin“ von Marc Lagrange © 2015 Marc Lagrange. All rights reserved.

Da wäre beispielsweise das Shooting mit einer dunkelhäutigen Schönheit, die sich in einem alten Palast auf Kissen entspannt; das Motiv wirkt auf den Betrachter wie ein barockes Ölgemälde.

Aber auch Hommagen an modernere Kunst sind zu sehen: Eine leichte Unschärfe, eine Vignettierung und ein sanfter Sepiaton sorgen dafür, dass entsprechend aufgenommene Porträts wie aus dem Beginn der Fotografie erscheinen. Oder auch abstrakte Kunst – zum Beispiel Frauen, die auf sonderbaren Quadern oder Kugeln posieren – wird in dem Bildband mit Fotografie gewürdigt.

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Bildhauerei trifft Fotografie: „Alto-Rilievo“ von Marc Lagrange © 2015 Marc Lagrange. All rights reserved.

Besonders interessant ist Lagranges Verneigung vor der Bildhauerei. Wenn nicht die Szene selbst dutzende Skulpturen zeigt, so lichtet der Fotograf teilweise auch die Models selber wie Statuen ab: Angetrocknete Farbe beginnt von bemalten Gesichtern abzublättern, oder Mehl bestäubte Brüste sorgen dafür, dass die Models fast schon zu Stein zu werden scheinen. Oder sind es gar Marmorstatuen, die von einem Bildhauer so lebensecht gefertigt wurden, dass es einem fast schon den Atem verschlägt?

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Umringt von Skulpturen: „Angels and Saints“ © 2015 Marc Lagrange. All rights reserved.

Statuen haben Lagrange wohl sehr fasziniert. Kein Wunder also, dass er als Location unter anderem auch die nordtoskanische Kleinstadt Pietrasanta ausgewählt hat. Nicht ohne Grund hat der nahe Pisa gelegene Ort den Namen Pietrasante (zu deutsch: heilige Steine). Denn seit vielen Jahrhunderten wird hier Marmor gebrochen. Beispielsweise stammt von dort der Statuario, ein besonders hochwertiger Marmor, der von Bildhauern sehr geschätzt wird.

Und ist ein Marmorblock nicht „rein“ genug und wird deswegen als Zweitware eingestuft, so dient er in Pietrasanta immer noch als Baustoff. Kurz: Der Ort ist das Mekka der Bildhauerkunst – und perfekt für Lagranges Aufnahmen.

Spiel mit den Fantasien der Betrachter

teNeues, der Verlag, bei dem Marc Lagrange seinen Bildband veröffentlicht hat, schreibt über den Fotografen: „In seiner Welt spielten Sinnlichkeit und Verführung die Hauptrollen. Das Verlangen faszinierte ihn mehr als dessen Erfüllung.“ Ein Spiel mit den Fantasien der Betrachter – das wird für einen Künstler nie langweilig. Und wer weiß, welche fotografischen Ideen er in den kommenden Jahrzehnten noch umgesetzt hätte? Auch wenn Lagrange viel zu jung von uns gegangen ist – wir danken ihm, dass er uns an seinen Ideen teilhaben ließ.

Mein Fazit

Marius von der Forst Sepia rundDer Bildband „Senza Parole“ ist keine eierlegende Wollmilchsau: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand sämtliche Fotos darin gleich stark lieben wird. Muss er aber auch nicht! Denn der Bildband ist so abwechslungsreich, dass für jeden etwas dabei ist. Und auch dann, wenn man bei manch kuriosen Fotos eher kopfschüttelnd den Bildband durchblättert: Irgendwann ertappt man sich, wie man an einer Aufnahme hängen bleibt – und zu träumen anfängt.

Marius von der Forst liebt großartige Fotoaufnahmen – erst recht, wenn diese in Buchform verewigt wurden. Er ist freier Journalist und schreibt für Zeitschriften wie fotoPRO, digit! oder das Ringfoto-Magazin und natürlich für photobildband.de.

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