© Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag

Jenseits der Grenzen: Ein Leben zwischen den Ländern

Jan Zychlinski „Jenseits der Grenzen“ Mitteldeutscher Verlag 160 Seiten Format: 24 x 24 cm Sprachen: Deutsch, Englisch ISBN: 978-3-95462-596-3
Jan Zychlinski
„Jenseits der Grenzen“
Mitteldeutscher Verlag
160 Seiten
Format: 24 x 24 cm
Sprachen: Deutsch, Englisch
ISBN: 978-3-95462-596-3
24,95 Euro (D)

Das Flüchtlingsthema ist aktueller denn je. Überall hört man von Problemen und Herausforderungen, die die Krisenherde dieses Planeten verursachen. Schuldfragen werden gestellt, die Sündenböcke hin- und hergeschoben.

Neu ist das alles nicht. Geflohen sind die Menschen schon immer. Zum Beispiel aus dem und im Südkaukasus. Jene Menschen dort besuchte der Fotograf Jan Zychlinski, um mit seinem Bildband „Jenseits der Grenzen“ auf sie aufmerksam zu machen.

Eindrucksvolles Porträt: Diese alte Frau musste sicherlich schon viel durchleiden. © Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag
Eindrucksvolles Porträt: Diese alte Frau in Aserbaidschan musste sicherlich schon viel durchleiden. © Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag

Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts

Es begann mit der massenhaften Ermordung und Vertreibung der Armenier im Osmanischen Reich 1895. Bis 1916 kamen durch Massaker und Todesmärsche geschätzt 1,5 Millionen Menschen um. Nachdem die 1918 gegründeten Republiken Armenien, Aserbaidschan und Georgien in das sowjetische Imperium eingegliedert wurden, setzten die nächsten Flüchtlingsströme ein.

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Eine neu gebaute Siedlung in Aserbaidschan. Hier gibt es gar eine Schule – allerdings ohne Lehrer. Und auch eine Krankenstation, aber ohne Mediziner. Ebenso Häuser ohne Wasser. Und darin: Menschen ohne Perspektive. © Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag

Zum Ende der Sowjetunion entstanden wieder neue Nationalstaaten, die alles vereinenden Ideologien der Sowjets fielen hingegen in sich zusammen. Übrig blieben viele verschiedene Schmelztiegel mit unterschiedlichen Menschen, Nationalitäten und Religionen. Geschürt durch wirtschaftliche und soziale Konflikte entstanden Unruhen – erneut waren Menschen im Südkaukasus auf der Flucht.

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Eine Gruppe von Männern steht in einem georgischen Camp. Sie reden über Alles und Nichts – oder schweigen einfach nur. © Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag

Diese Menschen besuchte Jan Zychlinski. Im September 2014 brach er unter anderem nach Armenien auf. Sein Ziel: Die Menschen porträtieren, und sie dabei ihre Geschichten erzählen lassen. Mithilfe von armenischen Freunden und Hilfsorganisationen entstanden so seine sehr dunklen Schwarzweiß-Fotos: Die Aufnahmen des Fotografen zeigen triste, düstere Orte. Hier leben bis heute Menschen in Lagern, Sammelunterkünften oder auch in neu gebauten Siedlungen abseits der restlichen Gesellschaft.

Hier sind sie schon so lange, dass sie mittlerweile in der dritten Generation dort leben. Für diejenigen, die dort geboren und aufgewachsen sind, ist der Alltag dort normal. Ein Dauerzustand mit Provisorien.

Jan Zychlinski photobildband.de

Über den Fotografen
Jan Zychlinski wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) geboren. Nach seinem Studium der Geschichte und Germanistik und nach dem Ende der DDR war er in der sozialen Stadtentwicklung sowie in Fluthilfeprojekten in Ostdeutschland und am Indischen Ozean tätig. Der Fotografie-Autodidakt ist seit 2007 Dozent für Sozialraum- und Stadtentwicklung an der Berner Fachhochschule mit weiteren Schwerpunkten Entwicklungszusammenarbeit und Sozialfotografie.

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Ein Ehepaar serviert dem Gast Erfrischungen. Jan Zychlinski hielt auf seiner Reise fest: „Die Tafel, so bescheiden sie sein mag, ist ein Ort des Austausches. Tauschware ist Zeit. Zeit zum Zuhören.“ © Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag

Die Gastfreundschaft nicht abgelegt

Erstaunlich: Der Fotograf erlebte, wie Flüchtlinge in der Fremde zu Gastgebern wurden. Trotz ihrer Lage nahmen sie ihn herzlich auf, erzählten ihm ihre Geschichten und irgendwo, so Zychlinski, köchelte immer ein Kupferkännchen mit Teewasser.

Der Gast bringt schließlich nicht nur sich selbst mit, wie der Fotograf in seinem Bildband selber bemerkt: Er ist auch ein kleines Türchen zur weiten Welt, wie er schreibt. Darüber hinaus sind in „Jenseits der Grenzen“ zahlreiche Hintergrundinformationen zu der Situation der Vertriebenen, der Reise des Fotografen Jan Zychlinski und andere wissenswerte Fakten zu lesen.

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Die ehemaligen Unterkünfte für Mitarbeiter einer Teefabrik sind seit 22 Jahren eine Flüchtlingsunterkunft. Toilette oder ein Waschraum? Die Wiese vor dem Haus. © Jan Zychlinski, Mitteldeutscher Verlag

Mein Fazit

Markus Fasse - photobildband.deDiese Bilder stimmen traurig und nachdenklich. Die porträtierten Menschen tun mir leid, ihre Situationen wirken verzweifelt. „Jenseits der Grenzen“ trifft mit hervorragenden Fotos und einer einfühlsamen Herangehensweise an die individuellen Geschichten einen wichtigen Nerv. Wie passend, dass die Bundesregierung gestern die Armenien-Resolution unterschrieb und das Verbrechen an den Armeniern nahezu einstimmig zum Völkermord erklärte. Hoffen wir, dass es nicht weitere 100 Jahre braucht, um die derzeitigen Probleme klar zu adressieren.

Markus Fasse, leidenschaftlicher Bildband-Sammler und Autor bei photobildband.de. Als freier Journalist schreibt er außerdem für Magazine wie u.a. fotoPRO

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