Spielende Kinder in der „Böhmischen Straße“ – ein Einblick in den Alltag zur früheren Zeit. © Günter Starke

Offene Türen: Die Geschichte der Dresdner Neustadt

Günter Starke „Offene Türen“ Mitteldeutscher Verlag 144 Seiten Sprache: Deutsch Format: 22 x 27 cm ISBN: 978-3-95462-732-5 Preis: 24,95 €
Günter Starke
„Offene Türen“
Mitteldeutscher Verlag
144 Seiten
Sprache: Deutsch
Format: 22 x 27 cm
ISBN: 978-3-95462-732-5
Preis: 24,95 Euro (D)

Die Neustadt Dresdens und die Lebensgeschichten ihrer Einwohner in Bildern einfangen – das war das Ziel des Projekts von Günter Starke. In den 1980er- und 1990er-Jahren hat er dafür Gebäude, Straßen, Läden und Menschen in der Dresdner Neustadt fotografiert.

Herausgekommen ist ein authentisches Porträt dieses besonderen Stadtviertels zur damaligen Zeit. Die Werke erschienen nun in einem eigenen Bildband.

Spielende Kinder in der „Böhmischen Straße“ – ein Einblick in den Alltag zur früheren Zeit. © Günter Starke
Spielende Kinder in der Böhmischen Straße – ein Einblick in den Alltag vergangener Tage. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

Texte des Kulturhistorikers Bernd Lindner bereichern das Werk mit persönlichen Details über die abgelichteten Menschen – unter anderem auch über den Besitzer des Tabakladens Barth.

Er führte den Laden zum Aufnahmezeitpunkt schon jahrzehntelang. Außerdem hatte er zu seinem Hund eine besondere Verbindung: Dieser alarmierte ihn bei einem Einbruch und bellte so lange, bis Hilfe kam.

Ein Blick in den Tabakladen Barth im Jahr 1988: Herr Barth und sein kleiner Hund waren ein eingespieltes Team. © Günter Starke
Ein Blick in den Tabakladen Barth im Jahr 1988: Herr Barth und sein kleiner Hund waren ein eingespieltes Team. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

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Über den Fotografen
Im Jahr 1980 zog Günter Starke ins Herz der äußeren Neustadt Dresdens – und war fasziniert vom Flair des Viertels. Dort entwickelte der gelernte Hochspannungsmonteur seine Leidenschaft für die Fotografie. Seit 1984 ist er als freischaffender Fotograf tätig. Starke ist schon lange Mitglied im Künstlerbund Dresden und in der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Seit 1985 zeigt er seine Werke bei zahlreichen Ausstellungen und einige seiner Fotos befinden sich in namhaften deutschen Museen, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum Berlin oder im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.

Mit seiner „Pentacon Six“-Kamera machte Starke quadratische Fotos im 6×6-Format und konzentrierte sich dabei unter anderem auf das Gebäude in der Martin-Luther Straße 37. Das Eckhaus wurde erstmals 1894 im Adressbuch der Stadt verzeichnet.

Nostalgisch: Ein früheres Schlafzimmer in der Dresdner Neustadt. © Günter Starke
Nostalgische Ausstattung: Ein Schlafzimmer in der Dresdner Neustadt. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

Einblicke hinter die Fassade

Für sein sozialdokumentarisches Fotoprojekt ließen die Bewohner Günter Starke in ihre Wohnungen hinein und vertrauten ihm ihre Geschichten an. Einige hatten mit einer harten Vergangenheit zu kämpfen, die durch persönliche Konflikte oder teilweise auch durch Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges geprägt war.

Starke verstand sich bei seinem Projekt als „Beobachter, Ratgeber und Dokumentarist“, so der Fotograf im Vorwort. Herausgekommen sind also keine idyllischen Bilder – sondern realistische Dokumentationen.

Frau. S hat eine schwierige Vergangenheit hinter sich – sie ist alleinerziehende Mutter und wurde kurz vor der Geburt von ihrem Freund verlassen. © Günter Starke
Frau S. hat eine schwierige Vergangenheit hinter sich. Sie ist alleinerziehende Mutter, wurde kurz vor der Geburt von ihrem Freund verlassen. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

Der Fotograf erfuhr beispielsweise eine Geschichte aus dem Leben eines ehemaligen Blockwarts, die sich in dem Haus in der Martin-Luther-Straße ereignet hatte: Dieser hielt in der Bombennacht des 13. Februar 1945 Nachtwache auf dem Dachboden des Hauses und rettete es vor einem Feuer durch Brandstäbe. Die Rettung hatte jedoch dramatische Folgen: Als die Brandsätze das Dach durchschlugen, warf der Vertrauensmann diese aus der Bodenluke – und zündete dadurch das Hofgebäude des Nachbargrundstücks an.

Mehrere Menschen starben. Später erhängte sich der Blockwart, weil er mit seinen Schuldgefühlen alleine blieb. Starke fotografierte Details, die Zeugen dieser dramatischen Lebensgeschichte waren, wie zum Beispiel eine zurückgelassene Gasmaskenbüchse des Blockwartes, die er auf dem Dachboden fand.

Prekäre Wohnsituationen in der DDR

Neben persönlichen Konflikten hatten viele Bewohner es außerdem nicht leicht mit ihren Wohnungen: Diese waren oft in miserablen Zuständen und wurden nur selten renoviert. So zum Beispiel Frau S.: Ihr Hausdach war undicht und wenn es regnete, musste sie in ihrer Dachwohnung überall Eimer aufstellen und ihre Möbel mit Planen schützen.

Frau S. schämte sich für den Zustand ihrer Wohnung, den sie nicht zu verantworten hatte. Deprimiert und zusammengesackt sitzt sie auf ihrem Sofa. © Günter Starke
Frau S. schämte sich für den Zustand ihrer Wohnung, den sie nicht zu verantworten hatte. Deprimiert und zusammengesackt sitzt sie auf ihrem Sofa. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

Die Umstände, unter denen die Einwohner damals lebten, können sich viele Menschen heute wahrscheinlich nicht mehr vorstellen: Außentoiletten und Ofenheizungen waren die Regel – Duschen gab es nur sehr selten.

Wer eine Wohnung bekam, entschieden staatliche Institutionen nach Vorgaben durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Junge Ehepaare mit Kindern wurden dabei bevorzugt – Alleinstehende, ältere Bürger und unverheiratete Paare dafür benachteiligt.

Die Familie eines Kohlenträgers und einer Kellnerin in ihrer Wohnung in der Dresdner Neustadt. Der Blick der Eltern verrät: Große Hoffnung auf Besserung hatten sie nicht. © Günter Starke
Die Familie eines Kohlenträgers und einer Kellnerin in ihrer Wohnung in der Dresdner Neustadt. Der Blick der Eltern verrät: Große Hoffnung auf Besserung ihrer Lebenssituation hatten sie nicht. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

Trotz der schwierigen Lebensbedingungen gab es auch optimistische Menschen, die aus der Situation das Beste machten. So zum Beispiel die Rentnerin Rosel K. : Sie wurde von ihrem Mann geschlagen und zog deshalb aus – in eine extrem kleine und schlecht ausgestattete Wohnung.

Trotzdem behielt sie ihren Frohsinn und pflegte ein schönes Ritual: Immer, wenn sie ihre Rente bekam, gönnte sie sich eine Flasche Rotkäppchen-Sekt.

Die Rentnerin Rosel K. blieb lebensfroh und lebte lieber in dieser kleinen Wohnung, als zusammen mit ihrem gewalttätigen Mann. © Günter Starke
Die Rentnerin Rosel K. blieb lebensfroh und lebte lieber in dieser kleinen Wohnung, als zusammen mit ihrem gewalttätigen Mann. © Günter Starke, Mitteldeutscher Verlag

Heute ist die Wohnsituation in der Dresdner Neustadt ganz anders: Im Mai 1989 gründeten Einwohner eine Initiative und forderten Restaurationsmaßnahmen. Die Partnerstadt Hamburg unterstützte die Dresdner Neustadt bei den folgenden Arbeiten. Heute leben hauptsächlich junge und überwiegend gut verdienende Familien in dem Viertel, erläutert der Kulturhistoriker Bernd Lindner. Längst hat die Stadt auch in diesem Teil ein ganze anderes Image.

Mein Fazitjohanna_peters

Die Fotos vermitteln einen sehr authentischen Eindruck vom Leben zur DDR-Zeit in der Dresdner Neustadt. Außerdem erfährt man durch die Texte mehr über die persönlichen Geschichten, die hinter den Fotos stecken – das macht den Bildband sehr spannend. Wer sich für die Geschichte Dresdens und ihre Gesellschaft der damaligen Zeit interessiert, sollte bei diesem Bildband zugreifen.

Johanna Peters studiert Medien- und Kulturwissenschaften und interessiert sich schon lange für die Fotografie. Darüber hinaus schreibt sie Rezensionen für photobildband.de.
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